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Friedensdenkschrift verändert ev. Kirche von oben. EKD muss sich ändern

 

Theologische Kultur und Führungsstruktur der EKD müssen sich ändern: "Friedendenkschrift" will von oben Glauben der evangelische Kirche korrigieren.
 
Jeder Konfirmand und jede Konfirmandin lernen im Konfirmandenunterricht den großen Unterschied zwischen evangelisch und katholisch: Bei den Katholiken regiert oben der Papst, in der evangelischen Kirche leiten die Gläubigen unten ihre Kirche. So weit, so reformatorisch und so leicht verständlich.
 
Doch wie wird die Evangelische Kirche wirklich geleitet? Sind es die Gläubigen, die aus einer friedensbestimmten Kirche nun eine Unterstützerin der politischen Billionen-Euro-Aufrüstung gemacht haben? Sind es die Konfirmanden und Konfirmandinnen, die sich vehement für eine Wehrpflicht eingesetzt haben. Beides sicher nicht. Beides hat die Spitze der EKD bestimmt und die Gläubigen und die Gemeinden wurden nicht einmal dazu gefragt. 
 
Evangelische Kirchenkultur und Kirchenstruktur haben sich weit von der "Leitung von unten" entfernt. Evangelische Kirche ist zu einem vertrauten Partner der herrschenden Politiker geworden und ist sich nicht einmal zu schade, die superteure Vorbereitung auf einen kommenden Krieg gegen Russland sogar noch theologisch zu unterstützen. Die Veränderung der Friedensdenkschrift zu einer Aufrüstungsunterstützungsschrift soll da das theologisch wirksame Werkzeug sein.
 
Wo liegt der Haken? Die evangelische Kirche ist doch eigentlich streng demokratisch von unten nach oben aufgebaut: Gemeindeglieder wählen das Presbyterium, das Presbyterium wählt die Kreissynode, diese die Landessynode, die Landessynodalen wählen die EKD-Synode und der bestimmt den Rat der EKD. In manchen Landeskirchen gibt es unterschiedliche Bezeichnungen, aber fast überall gilt: Jede Ebene wählt die Vertreter für die nächsthöhere Ebene. 
 
Doch schaut man sich die Interessen der jeweils Wählenden und Gewählten an, dann wird sehr deutlich, dass nicht die unteren Ebenen, die Gemeinden und ihre Vertreter bestimmen, was oben gilt:
 
Am Beispiel: Ein Presbyter ist von Herzen dankbar, dass die Gemeindeschwester seine Eltern über Jahre sehr einfühlsam betreut hat und setzt sich intensiv für die Neubesetzung der Schwesternstelle in der Gemeinde ein. Doch eine Ebene höher, auf der Kreissynode wird erfolgreich für eine Ausdehnung der kreiskirchlichen Diakonie und ihrer Mitarbeiterinnen geworben. Im Diakonieausschuss der Landessynode haben in diakonischen Fragen vor allem die Leiter der großen Diakonischen Werke mit ihren Ausdehnungsplänen auf Kirchenkreise und Gemeinden das Sagen. Und auf der nationalen Ebene des Diakonischen Werkes kämpfen religiöse und nichtreligiöse Sozialinstitutionen mit der Politik über die notwendige Finanzierung ihrer Arbeit. Die Gemeindeglieder mit ihrem Wunsch nach der individuellen Betreuung durch eine Gemeindeschwester kommen hier längst nicht mehr vor. Ihre Wünsche sind auf dem Weg durch die Instanzen verlorengegangen. Das kann man als demokratisch richtig ansehen, aber ist diese Form der Demokratie auch der richtige Weg für die evangelische Kirche, die EKD?
 
Vor einiger Zeit wurde an einem Beispiel sehr deutlich, welche Nachteile diese Demokratie über Etappen nach oben hat: Evangelische und katholische Kirche haben gemeinsam 2015 einen konservativen Gesetzentwurf über das Verbot von "Suizidbeihilfe" unterstützt. Kirchliche Institutionen der Sterbebegleitung und der Palliativmedizin würden Sterbehilfe überflüssig machen. Dass aber 60 Prozent der Bevölkerung eine deutliche Erleichterung der Sterbehilfe wünschten, spielte auf der obersten Ebene, wo die Institutionen vor allem ihre eigenen Interessen vertreten, keine Rolle mehr. So kam es folgerichtig: Der Bundestag hat den auch von den Kirchen vorgelegten konservativen Gesetzentwurf gebilligt. Die EKD hat über ihren Erfolg laut gejubelt, aber völlig übersehen, dass die Mehrheit ihrer Gemeindeglieder verloren hat. Das Bundesverfassungsgericht hat dann am 26. Februar 2020 ein deutliches "Nein" gesagt: Das jedem Menschen zustehende "Recht auf selbstbestimmtes Sterben" wurde mit dem Gesetz missachtet.
 
Danach hat die EKD eine sehr lobenswerte Entscheidung getroffen: Bei dem nächsten Gesetzgebungsverfahren zur Sterbehilfe 2024 hat sie nicht mehr zusammen mit der katholischen Kirche eine ablehnende Haltung zur Sterbehilfe als theologisch richtig unterstützt, sondern hat die Entscheidung in die Freiheit der evangelischen Christen gestellt.
 
In mindestens einer Landeskirche, in Württemberg (ELK-WUE), wird ein anderes demokratisches Modell praktiziert: Hier gibt es die Urwahl der Kirchenleitung durch die Gemeindeglieder. Kirchenpolitische Gruppierungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten ihrer Arbeit ermöglichen den Wählern eine sachlich und thematisch orientierte Wahl. Eher konservativ durch "Lebendige Gemeinde" , eher offen und vielfältig für unterschiedlichste Menschen mit der "Offenen Kirche",  eher bibelorientiert mit der Gestaltung der Kirche durch das Hören auf das Evangelium bei der Gruppierung "Evangelium und Kirche" und reformorientiert bei der "Kirche für morgen".  So können Gemeindeglieder auch die Richtung der obersten landeskirchlichen Instanzen und die Wahl des Landesbischofs direkt mitentscheiden und sind nicht auf neue Vertreter auf jeder Ebene angewiesen, deren Wahlinteresse sie nicht durchschauen können. 
 
Die letzten anderthalb Jahre haben die Notwendigkeit einer solchen Wahlreform bis in die Spitzen der EKD gezeigt: Kein Gemeindeglied, kein Presbyterium, kein Kreissynodalvorstand hat die Möglichkeit gehabt, die Entscheidung der EKD zur Unterstützung der Aufrüstungsinitiative der Parteien und der Bundesregierung im Frühjahr 2025 zu beeinflussen: Nicht die Gemeinden unten haben hier entschieden, sondern die oberste Leitung: Bischöfin und Rat der EKD. Die unteren Ebenen wurde nicht einmal gefragt, es gab keine breite Diskussion, sondern die oberste Ebene hat entschieden und den eigenen politischen und theologischen Willen  durchgesetzt.
 
Und das nicht bei einem nebensächlichen Thema: Der Rat hat eine theologisch-politische Korrektur der Friedensdenkschrift in Auftrag gegeben und damit das Denken über Krieg und Frieden vieler Gemeindeglieder ignoriert. Die oberste Spitze der Kirche hat die Gemeindeglieder in einer entscheidenden theologischen und politischen Frage umorientieren wollen: aus eigenem Antrieb und ohne die Gemeindeglieder überhaupt nur zu fragen. Die EKD hat ihre politische Nähe zu den Parteien gestärkt, aber viele Gemeindeglieder vor den Kopf gestoßen. Evangelische Kirche als Helfer der Politik! Theologische Argumente als Unterstützung für kriegsvorbereitende Aufrüstung. Eine Kirchliche Denkschrift, damit die Gemeindeglieder lernen, theologisch umzudenken. Kurz gesagt: Wie der Staat das plant, soll auch die evangelische Kirche kriegstauglich werden.
 
Billionen Euro Geld wurden ohne Protest der Kirchen für die Entwicklung und den Kauf von Waffen eingeplant. Und eine immer ärmer werdende Bevölkerung, von der mehr als ein Viertel auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, leidet, weil die Gelder im sozialen Bereich auf allen Ebenen gekürzt werden. Und die Kirche schaut unbewegt einfach zu. Sie kritisiert nicht, sie zeigt nicht auf andere bewährte Wege zum Frieden, sie drängt nicht auf Friedensgespräche, sie erhebt nicht laut ihre Stimme für die ärmeren Bürger, zu denen immerhin bundesweit ein Viertel der Bevölkerung und so auch der Kirchenmitglieder gezählt werden. Kirche mahnt nicht vor einem alles zerstörenden Atomkrieg, sie schweigt einfach nur und unterstützt diese kriegsvorbereitende Politik.
 
Nicht einmal, dass ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden als Kanonenfutter im Krieg eingeplant werden, ist ihr ein Wort oder gar einen Aufschrei wert.  Wenn auch die Kirche erst einmal kriegstauglich ist, wird es wohl genügend Soldatenpfarrer und -pfarrerinnen geben. Sowohl in den Kasernen als auch in den eisigen Schützengräben vor Moskau. Jede Kirche wird wieder ihre Steintafel für die Namen gefallener Gemeindeglieder haben und kirchliche Friedhöfe reservierte Grabfelder für die im Krieg verstorbenen Soldaten.
 
Ist das die Kirche, die die Gläubigen unten sich wünschen? Ich glaube nicht! Kirche soll im Namen der Botschaft Christi und auf Wunsch der Gläubigen ihre Stimme für Frieden erheben, für Verhandlungen, für Kompromisse und nicht für eine tödliche Billionen-Euro-Aufrüstung.
 
Wir brauchen eine neue theologische Kultur in unserer Kirche, ein neues Denken für die Gestaltung eines weltweiten Friedens und wir brauchen eine neue Kirchenstruktur mit mehr reformatorischem Einfluss von unten nach oben. Kirche darf sich nicht als gehorsamer Helfer der Politik verstehen, sondern muss wieder zur Stimme des Friedens werden.
 
Eine Änderung des Wahlmodus würde aus einer reinen Persönlichkeitswahl für die unterste Ebene der Kirche eine Richtungswahl machen, bei der die Gemeindeglieder auch Einfluss nehmen können auf die theologische Ausrichtung ihrer Kirche, auf die innere Kirchenpolitik und auf den Einfluss der Kirche auf die Politik. Wenigstens ein kleiner Teil des ursprünglichen theologischen Grundprinzips der Kirchen der Reformation, Kirche von unten zu sein, könnte wieder zur Geltung kommen. 
 
Um wieder lebendige Kirche Christi zu werden, eine Kirche des Friedens, sollte bald die Wahlordnung der Kirche geändert werden: Zur Kirche von unten.
 
Manfred Alberti
 
 
Artikel für das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt
 
 

 

 

 

 

 

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